U. Bomme, Freising-Weihenstephan

Situation und Zukunftsperspektiven des Feldanbaues von Heil- und Gewürzpflanzen in Deutschland1

erschienen in: Zeitschrift für Arznei- & Gewürzpflanzen 1998; 3:155-161 © Hippokrates Verlag GmbH, Stuttgart

Gruner_Ball.gif (257 Byte) Zusammenfassung (deutsch/englisch)

Anbauumfang

Nach den Angaben des Statistischen Bundesamtes beträgt die Anbaufläche von Heil- und Gewürzpflanzen im Jahr 1998 in Deutschland 5741ha (4). In Tabelle 1 sind die Flächen in den Bundesländern der Jahre 1997 und 1998 dargestellt. Nicht enthalten sind darin erstaunlicherweise die Gewürzpflanzen Meerrettich, Petersilie und Schnittlauch, die in der Gemüseanbauflächenstatistik gesondert aufgeführt werden. Aus dieser Zusammenstellung ergibt sich 1997 für die genannten Arten eine zusätzliche Anbaufläche von 1692ha (3). Der gesamte offizielle Anbauumfang für diese Arten beträgt daher 7433ha. Die tatsächliche Anbaufläche dürfte aber noch größer sein, da zum Beispiel für Nordrhein-Westfalen 217ha offiziell genannt werden, in der Praxis aber in zwei Anbaugebieten bereits etwa 550ha oder in Hessen gegenüber den offiziellen Angaben von 663ha rund 1100ha kultiviert werden. In den neuen Bundesländern ist diese Diskrepanz bei weitem nicht so groß, weil hier der großflächige Anbau in wenigen Großbetrieben oder Genossenschaften mit exakter Flächenerfassung dominiert. In Ländern wie Hessen, Rheinland-Pfalz oder Bayern mit allein über 200 Einzelbetrieben sind die Flächen dagegen schwerer zu ermitteln. Es ist daher realistisch, von gegenwärtig mehr als 8000ha Anbaufläche auszugehen, ein Drittel davon in den neuen Bundesländern.

Der feldmäßige Heil- und Gewürzpflanzenanbau hat also wieder einen großen Flächenumfang mit steigender Tendenz eingenommen, der außerdem durch eine wesentlich höhere Wertschöpfung im Vergleich zu Getreide, Kartoffeln oder Futterpflanzen gekennzeichnet ist.

Es ist äußerst schwierig, genaues und repräsentatives Zahlenmaterial über Heil- und Gewürzpflanzen zu erhalten, insbesondere über einzelne Arten und deren Anbauverteilung bzw. -entwicklung in den einzelnen Bundesländern. Die neuesten Zahlen zu dieser Thematik stammen aus einer 1995 durchgeführten Befragung von Hoppe (11) und können dort nachgelesen werden.

 

Ursachen für die Zunahme des inländischen Heil- und Gewürzpflanzenanbaues

Für den deutlich zunehmenden Flächenumfang und das daraus resultierende Interesse am Anbau dieser Pflanzen sind nachfolgende Gründe maßgeblich:

  • ständig wachsende Ansprüche an Homogenität und Qualität des Erntegutes,
  • Forderung nach lückenloser Dokumentation des gesamten Produktionsprozesses,
  • Zunahme des Rohwarenbedarfes durch steigende Nachfrage der Bevölkerung im In- und Ausland und neue abgesicherte Erkenntnisse zur Wirksamkeit von Phytopharmaka,
  • steigende Nachfrage nach regionalen Produkten,
  • Naturschutz,
  • schwindende Einkommensmöglichkeiten in der Landwirtschaft,
  • Probleme mit der Fruchtfolge im landwirtschaftlichen Betrieb.

Die immer höheren Qualitätsanforderungen (7, 17) im Hinblick auf Einheitlichkeit, Wirkstoffgehalt, geringstmöglichen Gehalt an unerwünschten Kontaminationen wie Schwermetalle, Pflanzenschutzmittel, Nitrat, Radioaktivität, Mikroorganismen und Verunreinigungen wie Erde, kranke oder unerwünschte Pflanzenteile und fremde Bestandteile haben zu einem enormen Kontrollaufwand auf der Abnehmerseite geführt. Pro Charge liegen die Kosten je nach Herkunft und Pflanzenart zwischen 1200.– und 5000.– DM. Es liegt auf der Hand, daß große einheitliche Chargen aus dokumentiertem Anbau mit bekannter Vorgeschichte deutliche Kostenvorteile mit sich bringen. Die von der Abnehmerseite inzwischen allgemein geforderte lückenlose Dokumentation der Pflanzenproduktion auf dem Acker und die »Richtlinien für die Gute Landwirtschaftliche Praxis von Arznei- und Gewürzpflanzen« (GAP-Regeln) (8) können ebenfalls nur durch Anbau und nicht mehr durch Wildsammlung erfüllt werden (siehe auch GAP-Richtlinien ).
Die Zunahme des Rohwarenbedarfs dokumentiert u.a. der hohe Betrag von 9 Mrd. DM, der 1997 in Deutschland für die Selbstmedikation bei einem gesamten Arzneimittelmarkt von 50,3 Mrd. DM ausgegeben wurde (5).
Die Situation der heimischen Landwirtschaft ist immer schwieriger geworden. Viele zukunftsorientierte Landwirte suchen daher nach landwirtschaftlichen Einkommensalternativen, die bessere Perspektiven für die Zukunft bieten. Als eine von mehreren Möglichkeiten wird in der Praxis der Anbau von Heil- und Gewürzpflanzen überlegt. Dabei zeigt sich, daß nicht nur kleinere, sondern auch große landwirtschaftliche Betriebe, die keine sichere Zukunft mehr für ihre bisherigen Produkte sehen, ernsthaftes Interesse zeigen. Beruhigend ist, daß heutzutage viele dieser Anbauer erst aufgrund von Marktanalysen oder nach Kontakten zu Abnehmerfirmen gezielt mit dem Anbau beginnen, wobei zunehmend die Produktion regionaler Produkte eine Rolle spielt.

 

Gründe für den hohen Importanteil

Trotz wachsenden Rohwarenbedarfes und zunehmender Anbaufläche in Deutschland wird der weitaus überwiegende Teil der Rohware nach wie vor importiert. Addiert man die vom Statistischen Bundesamt einzeln aufgeführten Waren und Warengruppen, so ergibt sich für 1997 ein Importumfang an Drogen und Säften von 343.000t mit einem Grenzübergangswert von rund 782 Mio. DM (6). Verantwortlich für diesen hohen Importanteil sind die nachfolgend aufgeführten Gründe:

  • klimatische Bedingungen,
  • niedriges Weltmarktpreisniveau,
  • keine gestützten Preise,
  • hohe Produktionskosten bei der
  • Kultivierung in Deutschland,
  • Firmen benötigen große einheitliche Partien verschiedenartiger Pflanzen,
  • Deutschland als Industrieland mit der Notwendigkeit zu Kompen-
  • sationsgeschäften mit Agrarprodukten,
  • langjährige ausländische Geschäftsverbindungen vorhanden,
  • Unkenntnis über inländische Anbaumöglichkeiten,
  • bei der Abnehmerseite Trägheit oder Scheu vor Aufwand mit inländischem Anbau.

Macht man sich die Mühe und berechnet für die wenigen einzeln aufgeführten Heil- und Gewürzpflanzenarten in der Importstatistik (6), z.B. Meerrettich, Knoblauch, Kümmel, Thymian und Salbei oder ätherisches Öl von Pfefferminze und anhand von Durchschnittserträgen die daraus resultierende mögliche Anbaufläche in Deutschland, so ergibt sich eine Zahl von knapp 31.000ha. Die Fläche wäre in Wirklichkeit noch größer, da Arten wie Baldrian, Brennessel, Eibisch, Johanniskraut oder Petersilie in der Statistik nicht aufgeführt sind.

Für dieses theoretische Anbaupotential gilt es nun, einen Teil in die inländische Anbaupraxis zu überführen. Zu diesem Zweck ist es notwendig, die Abnehmerseite und die dafür zuständigen Landwirtschaftsministerien auf Landes- und Bundesebene noch stärker von den Vorzügen eines heimischen, standortnahen Anbaues zu überzeugen. Folgende stichhaltige Argumente können dafür genannt werden:

  • hoher Qualitätsstandard bei Anbau, Ernte und Aufbereitung (Kenntnisse, Maschinenausstattung),
  • hoher Hygienestatus,
  • strenge Pflanzenschutzmittel-, Arzneimittel- und Lebensmittelgesetzgebung,
  • kurze Wege zwischen Produzent und Abnehmer,
  • schnelle und einfache Überprüfbarkeit und Dokumentation der Produktion auf dem Acker,
  • Transparenz bei der zu erwartenden Erntemenge und dem Lieferzeitpunkt,
  • direkte Einflußnahme auf die Anbauqualität durch den Abnehmer,
  • langfristige und kalkulierbare Zusammenarbeit zwischen Produzent und Abnehmer,
  • Risikostreuung,
  • effektive Forschungs- und Beratungstätigkeit,
  • Versorgung des Verbrauchers mit qualitativ hochwertigen Arznei- und Würzmitteln,
  • Schonung der Wildbestände bedrohter Arten,
  • Artenvielfalt,
  • Auflockerung einseitiger Fruchtfolgen,
  • Erosionsschutz durch über- oder mehrjährigen Anbau,
  • Einkommensalternativen für Landwirte.

Viele Firmen aus der Arzneimittel- und Würzmittelbranche haben diese Vorteile bereits deutlich erkannt und handeln danach. Darunter befinden sich auch solche, die noch vor wenigen Jahren nicht entfernt an einen heimischen Vertragsanbau gedacht haben, heute aber seinen Nutzen einsehen. Es gibt sogar einzelne Firmen, die bereits bis zu 80% ihres Rohwarenbedarfes aus deutschem Anbau beziehen!

In diesem Zusammenhang muß auch erwähnt werden, daß verschiedene Anbauer neben der alleinigen Gewinnung der Frischmasse oder Droge nun auch in die erste Veredelungsstufe eingestiegen sind. Typische Beispiele sind die Saftpressung oder Tinkturherstellung bei Echinacea purpurea, Hypericum perforatum oder Arnica montana, die Gewinnung ätherischer Öle aus den Pflanzen mit Hilfe der Destillationstechnik oder die Konfektionierung von Gewürzen und Teedrogen.

 

Kooperationen

Die geschilderte positive Entwicklung des feldmäßigen Arznei- und Gewürzpflanzenbaues wurde maßgeblich gefördert durch die Bildung von Anbau- und Absatzorganisationen, teilweise nach den Richtlinien des Marktstrukturgesetzes (1, 2). So haben inzwischen viele Anbauer eingesehen, daß die großen Probleme bei Anbau, Ernte und Aufbereitung gemeinschaftlich viel besser gelöst werden können. Das beginnt bereits bei der Saatgut- oder Jungpflanzenbestellung, die wesentlich preisgünstiger gestaltet werden kann, setzt sich fort bei der gemeinschaftlichen Beschaffung und Nutzung von speziellen Sä- und Pflanzmaschinen, betrifft den gleichmäßigen Einsatz von Aushilfskräften bis hin zur besseren Ausnutzung von sehr teuren Erntemaschinen wie speziellen Grünguterntern oder Wurzelrodemaschinen. In Zeiten immer knapper werdender öffentlicher Mittel sind auch nur solche Anbauergemeinschaften in der Lage, teure Untersuchungen auf Pflanzenverträglichkeit und Rückstandsverhalten für die so notwendigen Spezialzulassungen von Pflanzenschutzmitteln in Heil- und Gewürzpflanzen zu finanzieren. Ein solches Vorhaben läuft zum Beispiel mit Meerrettich bei einer bayerischen Erzeugergemeinschaft.

Die hohen Qualitätsanforderungen an Reinheit und Gehalt der Drogen erfordern große Anstrengungen bei Wäsche, Zerkleinerung, Trocknung und Konfektionierung des Erntegutes. Die dafür notwendigen Geräte und Maschinen werden häufig nur als Sonderanfertigungen von Spezialfirmen in Einzelexemplaren hergestellt. Dementsprechend hoch sind die dafür zu zahlenden Preise, die eine Gemeinschaft leichter als der einzelne bezahlen kann, ganz zu schweigen von der besseren Auslastung. Derartige Gemeinschaften ermöglichen den Anbau größerer Flächen und verschiedenartiger Pflanzen, so daß sie auch für die Großabnehmer attraktiv werden. Sie sind gleichzeitig vorrangige Ansprechpartner für den Anbau von Arten mit hohem Mengenbedarf, oder wenn sich dieser Bedarf plötzlich und kaum vorhersehbar wie zum Beispiel bei Johanniskraut einstellt. Allein in Bayern sind seit 1992 drei Erzeugergemeinschaften für Heil- und Gewürzpflanzen entstanden, die nach dem Marktstrukturgesetz gefördert werden. Auch in anderen Bundesländern wie in Hessen, Rheinland-Pfalz, Thüringen oder Sachsen-Anhalt existieren gut funktionierende Anbau- und Absatzorganisationen, die häufig nach gemeinsamen Richtlinien des kontrollierten, integrierten Anbaues wirtschaften.

Zusammenschlüsse gibt es aber nicht nur im praktischen Anbau und der Vermarktung, sondern auch im Bereich »Informations- und Kontaktvermittlung, Erfahrungsaustausch, Förderung und Koordinierung fachlicher Aktivitäten«.

Kontakt:
Zusammenschlüsse in Deutschland

Beispiele in Deutschland sind der bereits 1985 gegründete »Verein zur Förderung des Heil- und Gewürzpflanzenanbaues in Bayern e.V.« (Max-Joseph-Str. 9, 80333 München),
der »Verein für Arznei- und Gewürzpflanzen SALUPLANTA e.V.« (Prof.-Oberdorf-Siedlung 16, 06406 Bernburg) in Sachsen-Anhalt und
der »Deutsche Fachausschuß für Arznei-, Gewürz- und Aromapflanzen« (Strenzfelder Allee 22, 06406 Bernburg).

Durch die Gründung des Deutschen Fachausschusses im Jahr 1991 konnte die Zusammenarbeit in fachlichen Fragen über die engen Grenzen einzelner Anbaugebiete oder Bundesländer hinweg wesentlich verbessert werden. Er ist damit in der Lage, tatsächlich die Belange der gesamten inländischen Produktion zu vertreten und als kompetenter Partner in fachübergreifenden Gremien fundierte Stellung-nahmen abzugeben. Initiiert durch diese Einrichtung läuft beispielsweise unter der Leitung des Landespflanzenschutzamtes Sachsen-Anhalt in Magdeburg deutschlandweit ein umfangreiches Versuchsprogramm zum umweltverträglichen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in Heil- und Gewürzpflanzen. Auf dieses sehr teure Projekt – allein die Untersuchungen zum Abbauverhalten der Pflanzenschutzmittelrückstände in der Pflanze kosten pro Mittel rund 15.000 DM – wirkt sich auch noch ein anderer Zusammenschluß sehr positiv aus. So wurde in Deutschland innerhalb der »Forschungsvereinigung der Arzneimittelhersteller e.V.« (FAH, Ubierstr. 71–73, 53173 Bonn-Bad Godesberg)« 1995 eine weitere Arbeitsgruppe »Arzneipflanzenanbau« gegründet. Ihre Zielsetzung ist die qualitative Verbesserung pflanzlicher Wirkstoffe für die phytopharmazeutische Industrie. Dies geschieht durch die Diskussion vorliegender Fragestellungen und Vergabe von Forschungsprojekten an geeignete Institutionen. Die Finanzierung erfolgt über öffentliche Fördermittel – soweit vorhanden – und Mittel interessierter Pharmaunternehmen. Auch Anbauempfehlungen und Qualitätsanforderungen für ausgewählte Arten (z.B. Johanniskraut) werden unter Einbeziehung der Anbauer- und Abnehmerseite erarbeitet. Durch die Kooperation mit dem Deutschen Fachausschuß ist ein direkter Informationsaustausch gewährleistet. Die bisherigen Ausführungen machen deutlich, daß inzwischen ein großer Teil der Landwirte wie auch der Abnehmerseite die Notwendigkeit für ein gemeinsames Vorgehen bei der Lösung der vielfältigen Probleme bei Anbau, Ernte und Aufbereitung von Arznei- und Gewürzpflanzen eingesehen hat. Diese Entwicklung, die noch vor zehn Jahren undenkbar gewesen ist, wurde allerdings auch durch den äußeren Zwang der immer höheren Anforderungen an die Homogenität und Qualität des Ernteproduktes, den steigenden Kontrollaufwand, den wachsenden Konkurrenzdruck, Beschaffungsprobleme und massive Einsparungen der öffentlichen Mittel forciert. Entscheidend ist aber, daß es diese Kooperation gibt und damit teure Doppelarbeiten, wie sie aus Unkenntnis auch bei Heil- und Gewürzpflanzen vorkamen, bald der Vergangenheit angehören.

 

Hauptprobleme des feldmäßigen Anbaues

Nach wie vor haben die Praktiker mit vielen Problemen zu kämpfen, die vor allem durch die große Artenzahl aus den verschiedensten Fruchtartengruppen und Pflanzenfamilien, die relativ kleine Anbaufläche pro Art, die nur wenigen öffentlichen Forschungs- und Beratungsinstitutionen und die wenige allgemein zugängliche Fachliteratur im Vergleich zu anderen landwirtschaftlichen Arten verursacht werden. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu wollen, sind sicherlich die nachfolgenden Problembereiche von besonderer Bedeutung für die Praxis:

  • Absatzsicherung,
  • stark schwankende Preise,
  • häufiges Fehlen geeigneter Sorten,
  • Schwermetallakkumulation,
  • Unkrautunterdrückung,
  • Schaderregerbekämpfung,
  • pflanzen- und umweltgerechte Nährstoffversorgung,
  • Direktsaat auf das Feld,
  • Anbautechnik, insbesondere bei »neuen« Arten (Wildpflanzencharakter!),
  • Mechanisierung von Ernte und Aufbereitung,
  • produktspezifische Trocknung,
  • hoher Handarbeitsaufwand.

 

Betriebswirtschaftlicher Aspekt

Aus den genannten Problemen resultieren die extremen Pendelausschläge bei den Deckungsbeiträgen und die häufig niedrige Arbeitsproduktivität. Die Darstellung der betriebswirtschaftlichen Seite der Kultivierung von Heil- und Gewürzpflanzen ist außerdem schwierig und gleichzeitig auch sehr unbefriedigend. So ist es wegen der vielen Arten, der relativ geringen Betriebszahl pro Pflanzenart, der unterschiedlichen Betriebs- und Absatzstrukturen und vor allem wegen der stark schwankenden, nicht staatlich gestützten Preise kaum möglich, allgemein verbindliche betriebswirtschaftliche Feststellungen zu treffen. Da sich auch viele landwirtschaftliche Betriebe aus Angst vor der Konkurrenz scheuen, realistische Angaben zu machen, gibt es kaum allgemein zugängliche Veröffentlichungen über betriebswirtschaftliche Untersuchungen. In Tabelle 2 sind nach verschiedenen Autoren und eigenen Berechnungen trotzdem einige Deckungsbeiträge (DB) zusammengestellt, die die ungeheure Bandbreite dieser Kennzahl – teilweise sogar mit negativem Vorzeichen – deutlich vor Augen führen sollen. Diese Zahlen können aber nur als grobe Anhaltspunkte dienen, da sie meist auf Einzeluntersuchungen im Rahmen von unveröffentlichten Diplomarbeiten beruhen. Die großen Schwankungen ergeben sich dabei vor allem aus stark schwankenden Erträgen, wie sie bei den etablierten landwirtschaftlichen Kulturen normalerweise nicht mehr auftreten, aus ebenso stark differierenden Preisen, aus den praktizierten Anbauverfahren (Saat, Pflanzung, ein- oder mehrjährig, Frühjahrs- oder Herbstanbau) und aus der Art der Trocknung: Hordentrocknung, Wagentrocknung, Bandtrocknung, Lufttrocknung. Bei den Deckungsbeitragsberechnungen pro Arbeitskraftstunde (Akh) wurden meist Durchschnittswerte zugrunde gelegt. Je nach Anbau- und Ernteverfahren kann hierbei aber der tatsächliche Arbeitsaufwand noch sehr stark schwanken. Die Kosten für die Aushilfskräfte (teilweise bis zu 150 Stunden pro Hektar) und für die Trocknung (1.– bis 3.– DM/kg Droge je nach Trocknungsverfahren) sind bereits in den Direktkosten enthalten und wurden bei der Deckungsbeitragsberechnung vom Erlös abgezogen.

Bei der Betrachtung der Deckungsbeiträge von Heil- und Gewürzpflanzen ist außerdem immer zu beachten, daß der Absatz sehr begrenzt ist und eine Kultur mit hohem Deckungsbeitrag deshalb nicht beliebig ausgedehnt werden kann. Die Deckungsbeiträge pro Akh zeigen deutlich, daß es sich bei Heil- und Gewürzpflanzen um sehr arbeitsaufwendige Kulturen handelt. Dies gilt besonders für einen kleinflächigen Anbau mit geringen Mechanisierungsmöglichkeiten sowie für Blütenpflanzen wie Ringelblume oder Arnika. Aus diesem Grund sind Heil- und Gewürzpflanzen sicherlich nicht für den Nebenerwerbsbetrieb geeignet.

Ist der Absatz gesichert und befinden sich die Preise auf einem durchschnittlichen Niveau, so können durchaus Deckungsbeiträge pro Hektar erreicht werden, die ein Mehrfaches von Getreide betragen und auch fünfstellige Werte erreichen können. Die Gefahr eines schnellen Preiszusammenbruches bei Anbau ohne Vertrag ist bei diesen Fruchtarten durch das mögliche Überangebot aber nach wie vor sehr groß.

Hilfe bei der Lösung der zuvor angesprochenen Probleme versuchen mit großem Engagement die in Tabelle 3 aufgeführten Institutionen zu leisten. Dabei handelt es sich nur um die Einrichtungen, die zumindest teilweise öffentliche Forschung betreiben, deren Ergebnisse im Gegensatz zu privater Auftragsforschung allen Interessenten zur Verfügung stehen.

Die genannten Institutionen betätigen sich in sehr unterschiedlicher Intensität und teilweise erst seit wenigen Jahren mit der Forschung in diesem Bereich. Nur die Bayerische Landesanstalt (LBP) in Freising-Weihenstephan beschäftigt sich bereits seit 1976 bis zum heutigen Tag intensiv und kontinuierlich mit der anwendungsorientierten Anbauforschung bei Heil- und Gewürzpflanzen.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit werden in Tabelle 4 die wichtigsten Beispiele für Forschungsprojekte im Bereich »Anbau und Züchtung von Heil- und Gewürzpflanzen« aufgelistet.

Rückblickend läßt sich feststellen, daß viele Forschungsergebnisse in der Praxis bereits umgesetzt oder aufgrund der umfangreichen Kenntnisse und der Erfahrung der Praktiker beziehungsweise einzelner engagierter Berater sogar verbessert wurden. Das beweist das Vorhandensein vieler gut funktionierender Betriebe in Deutschland.

Perspektiven

Die Entwicklung des Anbaues in der jüngeren Vergangenheit ist erfreulich verlaufen. Wie aber sieht die Prognose für die Zukunft aus? Hierfür dürfte der Begriff des »gedämpften Optimismus« angebracht sein. So wird die Anbaufläche weiter zunehmen – allerdings nur, wenn

  • die vertrauensvolle Zusammenarbeit aller Beteiligten fortgesetzt und intensiviert wird,
  • die Anbauer die notwendigen Voraussetzungen, wie zum Beispiel Eigeninitiative, Risikobereitschaft, überdurchschnittliches Können und Einsatz, Bereitschaft zur Handarbeit, wahrheitsgemäße Dokumentation und Vertragserfüllung und realistische Preisvorstellungen, erfüllen,
  • die große Artenvielfalt und die zahlreichen Verwendungsmöglichkeiten (auch »Veredelung«) genutzt werden,
  • Qualität produziert wird,
  • durch Rationalisierung und Mechanisierung Kosten gesenkt werden,
  • die Abnehmerseite zu langfristiger Zusammenarbeit und Zahlung vernünftiger Preise bereit ist.

Alle, die sich im Heil- und Gewürzpflanzenanbau in den verschiedensten Bereichen engagiert haben, können auf das bisher Erreichte stolz sein! Diese Arten gehören heute nicht mehr zu den belächelten Exoten, sondern in Zeiten vieler Betriebsaufgaben zu den realistischen Anbau- und Marktnischen. Sie funktionieren ohne direkte Preisstützung und weisen gleichzeitig manche ökologischen Vorteile auf. Die Produktion von Qualitätsware stellt eine Chance für einzelne dar. Der Abnehmerseite bietet sich die Möglichkeit, noch mehr Qualitätsware aus kontrolliertem und dokumentiertem Anbau beziehen zu können. Wegen der vielen ungelösten Probleme ist es aber zwingend notwendig, daß auch künftig gemeinsam – und nicht gegeneinander – auf allen Ebenen versucht wird, die Situation des Heil- und Gewürzpflanzenbaues in Deutschland nachhaltig zu verbessern.

Literatur

1. Anonym: Bekanntmachung der Neufassung des Marktstrukturgesetzes vom 26.09.1990. BGBl I, 2134–2140.

2. Anonym: Verordnung zur Ausführung des Marktstrukturrechts (AVMarktStrR) vom 08.10.1991. Bayer. Gesetz- u. Verordnungsblatt Nr. 20, 355–356.

3. Anonym: Gemüseanbauflächen 1997. Stat. Bundesamt, Fachserie 3, Reihe 3.1.3, Landwirtschaftliche Bodennutzung. Verlag Metzler-Poeschel, Stuttgart 1997.

4. Anonym: Landwirtschaftlich genutzte Flächen 1998. Vorbericht. Stat. Bundesamt, Fachserie 3, Reihe 3.1.2, Landwirtschaftliche Bodennutzung. Verlag Metzler-Poeschel, Stuttgart 1998.

5. Anonym: Bei freiverkäuflichen Arzneimitteln legen Drogerien zu! DApothZtg 1998; 138: 2595–2596.

6. Anonym: Außenhandel. Außenhandel nach Waren und Ländern (Spezialhandel). Dezember und Jahr 1997. Stat. Bundesamt, Fachserie 7, Reihe 2. Verlag Metzler-Poeschel, Stuttgart 1998.

7. Bauermann U: Anforderungen an die Qualität von Gewürzpflanzen. ZArznGewpfl 1996; 1: SH, 63–65.

8. Brantner A, Frank B, Schneider E, Franz Ch, Máthé A: Richtlinien für die Gute Landwirtschaftliche Praxis von Arznei- und Gewürzpflanzen (GAP-Regeln). ZArznGewpfl 1997; 2: 204–206.

9. BSA: Beschreibende Sortenliste Heil- und Gewürzpflanzen. Landbuch Verlagsgesellschaft mbH, Kabelkamp 6, 30179 Hannover 1996.

10. Haubner A: Anbau, Absatz und Wirtschaftlichkeit ausgewählter Heil-, Arznei- und Gewürzpflanzen. Diplomarbeit am Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des Landbaues der TU München-Weihenstephan. Freising 1998. Unveröffentlicht.

11. Hoppe B: Stand und Perspektiven des Anbaus von Arznei- und Gewürzpflanzen in Deutschland. ZArznGewpfl 1996; 1: SH, 5–13.

12. Nagy M: Der Anbau von Sonderkulturen im Landkreis Erlangen/Höchstadt unter Berücksichtigung pflanzenbaulicher und betriebswirtschaftlicher Gesichtspunkte. Diplomarbeit im Fachbereich Landwirtschaft Triesdorf der FH-Weihenstephan. Triesdorf 1987. Unveröffentlicht.

13. Pank F: Deckungsbeitragsberechnung Arzneifenchel im Direktsaatverfahren. 1991. Unveröffentlicht.

14. Seidel J: Die Erhaltung und Nutzbarmachung von Wildpflanzen unter Berücksichtigung ökonomischer Aspekte. Diplomarbeit am Lehrstuhl für Gartenbauliche Betriebslehre der TU München-Weihenstephan. Freising 1986. Unveröffentlicht.

15. Serr J: Markt, Anbau und Rentabilität ausgewählter Kulturpflanzen des Heil- und Gewürzpflanzenanbaues. Diplomarbeit im Fach Betriebswirtschaft an der Gesamthochschule Kassel, Fachbereich Landwirtschaft in Witzenhausen 1985.

16. Spenger W: Deckungsbeitragsberechnungen für Baldrian, Engelwurz, Kl. Bibernelle, Pfefferminze und Zitronenmelisse. 1989. Unveröffentlicht.

17. Steinhoff B: Qualitätskontrolle pflanzlicher Drogen und ihrer Zubereitungen unter Berücksichtigung neuer rechtlicher Regelungen. Z. Arzn.Gew.pfl. 1997; 2: 10–18.

18. Stettberger S: Analyse der Wirtschaftlichkeit des Heil- und Gewürzpflanzenanbaues in Bayern anhand von ausgewählten einheimischen Kulturen an verschiedenen Standorten. Diplomarbeit am Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des Gartenbaues und der Landespflege der TU München-Weihenstephan. Freising 1995. Unveröffentlicht.

19. Weinzierl F: Ökonomik des Anbaues von Heil- und Gewürzpflanzen. Diplomarbeit am Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des Landbaues an der TU München-Weihenstephan. Freising 1984. Unveröffentlicht.

 

Anschrift des Verfassers:

Dr. Ulrich Bomme
Bayerische Landesanstalt für Bodenkultur und Pflanzenbau (LBP)
Postfach 1641
85316 Freising.

 Nach einem Vortrag, gehalten am 01.10.1998 während der Fachtagung "Arznei- und Gewürzpflanzen " in Gießen

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