Begriffsverständnis Nachwachsende Rohstoffe

Auszug aus dem Buch "Nachwachsende Rohstoffe", S. Mann (1998), Ulmer Verlag Stuttgart


Der Terminus „nachwachsende Rohstoffe" ist ein relativ neuer Begriff, der in Deutschland erst vor wenigen Jahren eingeführt wurde. Im Duden-Jubiläumsband von 1980 tritt der Begriff überhaupt noch nicht auf. Diese Begriffsneuheit führt zu zwei Schwierigkeiten: Erstens ist die Verständigung mit ausländischen Gesprächspartnern auch heute noch nicht ganz einfach, da es in vielen Sprachen kein Pendant für „nachwachsende Rohstoffe" gibt. Im Englischen beispielsweise wäre die Übersetzung „regrowing resources" die korrekteste. Kaum einem Briten oder Amerikaner ist diese Wortkombination jedoch bekannt, für entsprechende Inhalte behilft man sich dort meist mit dem zungenbrecherischen und umständlichen Terminus „rentable agricultural resources". Zweitens existiert auch in Deutschland noch keine Definition für „nachwachsende Rohstoffe", die allgemein anerkannt wäre. Dies als Missstand zu bezeichnen, mag akademisch klingen. In der Arbeit miteinander kann man jedoch immer wieder feststellen, dass Missverständnisse auftreten, weil verschiedene Menschen ein unterschiedliches Begriffsverständnis haben: Während sich nachwachsende Rohstoffe für den einen auf Holz beschränken, zählen für andere zum Beispiel auch Arznei- und Gewürzpflanzen zu nachwachsenden Rohstoffen.

Die folgende Definition soll zumindest Aufschluss darüber geben, mit welchem Verständnis von nachwachsenden Rohstoffen in diesem Buch gearbeitet wird:


Nachwachsende Rohstoffe sind Stoffe, die aus lebender Materie stammen und vom Menschen zielgerichtet für Zwecke außerhalb des Nahrungs- und Futterbereiches verwendet werden.

Diese Definition enthält einige Ein- und Ausgrenzungen, die auf den ersten Blick vielleicht nicht sichtbar werden und der näheren Erläuterung bedürfen. Ein Konfliktpunkt ist beispielsweise, ob tierische Produkte wie Schafwolle oder Rindertalg als nachwachsende Rohstoffe bezeichnet werden sollten. Die obige Definition bejaht mit der Formulierung „lebende Materie" nicht nur dies Frage, sie umschließt auch mikrobiell erzeugte Produkte, etwa den Kunststoffersatz „Biopol" der Firma Zeneca, der durch bakterielle Fermentation einer Zuckerlösung gewonnen wird. Die Nutzung durch den Menschen wurde in die Definition mit aufgenommen, um nicht jedes Vogelnest aus Zweigen und Gras als Produkt aus nachwachsenden Rohstoffen ansehen zu müssen.

Aufgrund der notwendigen weiteren Eingrenzung wurde der Begriff der zielgerichteten Verwendung in die Definition mit aufgenommen, um etwa Zierpflanzen oder auch Stroh, wenn es nach der Getreideernte lediglich kurz untergepflügt wird, nicht in den Stand eines nachwachsenden Rohstoffes erheben zu müssen. Und schließlich werden mit der Festlegung auf Zwecke außerhalb des Nahrungs- und Futterbereiches auch Gewürzpflanzen, die oft noch zu nachwachsenden Rohstoffen gerechnet werden, explizit ausgeschlossen.

Ein Problemfall ist der Tabak in seiner üblichen Nutzungsform des Rauchens: Kaum jemand, der landläufig über nachwachsende Rohstoffe spricht, schließt Tabak oder auch andere Drogen hier ein. Auch in Förderprogrammen zu nachwachsenden Rohstoffen wird man Tabak vergebens suchen. Aus der obigen Definition muss jedoch geschlussfolgert werden, dass Tabak prinzipiell zu den nachwachsenden Rohstoffen gehört.

Aus der Definition mag ferner bereits deutlich geworden sein, dass die häufig gestellte Frage „Welche Pflanzen zählen zu nachwachsenden Rohstoffen?" in dieser Form nicht korrekt ist. Denn keine Pflanze ist an sich schon ein Rohstoff, auch kein nachwachsender, sondern kann lediglich zur Erzeugung nachwachsender Rohstoffe genutzt werden. Und selbst die schon besser formulierte Frage „Aus welchen Pflanzen lassen sich nachwachsende Rohstoffe gewinnen?" lässt sich immer nur für einen bestimmten Zeitpunkt beantworten: Denn während man heute sagen kann, dass beispielsweise die an verwertbaren Inhaltsstoffen recht arme Futterrübe außerhalb des Nahrungsbereiches keinen oder keinen nennenswerten Einsatz findet, muss dies in den nächsten Jahren durchaus nicht so bleiben. Und schon wäre aus einer Nicht-Nachwachsenden-Rohstoff-Pflanze eine Nachwachsende-Rohstoff-Pflanze geworden.

Es muss an dieser Stelle jedoch festgehalten werden, dass es heute für fast alle wirtschaftlich wirklich bedeutenden Pflanzen, die in Deutschland im Agrar- und Forstbereich angebaut werden, etablierte oder bislang weniger etablierte Einsatzfelder im Nichtnahrungsbereich gibt. Eine Ausnahme stellen hier lediglich Hafer und Gerste, die Futterrübe und viele Obst- und Gemüsearten dar, bei denen es noch kaum Versuche bezüglich stofflicher oder energetischer Verwertung gibt.

Quelle: Stefan Mann (1998)