Bern, März 1999 Bundesamt für Landwirtschaft, Sektion Acker- und Futterbau
1 Einleitung
Hanf ist eine alte traditionsreiche Faser- und Ölpflanze mit vielseitigem Nutzen (z.B. Textilien, Baumaterialien, Papier, Torfersatz, Speiseöl, Kosmetika, pharmakologische Produkte, etc.). In der Schweiz hatte der Hanfanbau nach 1950 keine Bedeutung mehr. Einer der Hauptgründe für den Rückgang der Anbaufläche war der wachsende Konkurrenzdruck durch Kunstfasern. Mit zunehmendem Umweltbewusstsein fanden die positiven Eigenschaften der Naturfasern und -öle wieder stärker Beachtung. Auch in einigen Nachbarländern gewinnt der Anbau von Hanf zunehmend an Bedeutung.
Der Hanfanbau zu anderen Zwecken als zur Betäubungsmittelgewinnung ist in der Schweiz erlaubt. Wer Hanf anbaut, muss jedoch damit rechnen, dass die zuständigen Behörden eine Pflanzenanalyse vornehmen, Angaben über den Verwendungszweck verlangen und bei Verdacht auf gesetzwidrige Handlungen die nötigen Verfahren einleiten. Der Anbau von THC-armen Hanfsorten gemäss offiziellem Sortenkatalog für Hanf wird mit einem Flächenbeitrag unterstützt.
Rahmenbedingungen für den Hanfanbau in der Schweiz Der Anbau von THC-armen Hanfsorten wird unabhängig vom Verwendungszweck mit einem Flächenbeitrag von 1'500 Franken pro Hektare unterstützt. Nebst den allgemeinen Bestimmungen für Anbaubeiträge gemäss Ackerbaubeitragsverordnung gelten für Hanf die folgenden besonderen Bedingungen:
Die Hanfflächen können mit dem ordentlichen Gesuch für die übrigen agrarpolitischen Massnahmen beim Kanton angemeldet werden. Abnahmeverträge sind empfehlenswert, für die Beitragsberechtigung jedoch nicht erforderlich. Die zuständigen Behörden führen insbesondere Kontrollen über Sorten, Flächen und THC-Gehalte durch. Es darf nur Saatgut von Hanfsorten in Verkehr gebracht werden, die im Sortenkatalog für Hanf aufgeführt sind. Hanfkraut zur Betäubungsmittelgewinnung und das Harz seiner Drüsenhaare dürfen nicht angebaut, eingeführt, hergestellt oder in Verkehr gebracht werden (Art. 8 BetmG). Für den THC-Gehalt von Lebensmitteln hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) Grenzwerte erlassen (Fremd- und Inhaltsstoffverordnung). Diese Höchstkonzentrationen dürfen nicht überschritten werden. |
2 Bisherige Erfahrungen
2.1 Hanfanbau
Bis 1998 wurde im Rahmen des versuchsweisen Anbaus nachwachsender Rohstoffe (Verordnung über Produktionslenkung und extensive Bewirtschaftung im Pflanzenbau) der Anbau von THC-armen Hanfsorten zu industriellen oder energetischen Zwecken mit einem Beitrag von 3'000 Franken pro Hektare unterstützt. Landwirte, die an diesem Versuch teilnehmen wollten, mussten über einen Abnahmevertrag mit einem Verwerter verfügen.
Im Rahmen dieses Versuches wurden in den Jahren 1994 und 1995 je ca. 10 Hektaren THC-armer Hanf angebaut. Nach einem Rückgang in den Jahren 1996 und 1997 stieg die Anbaufläche 1998 auf ca. 41 Hektaren. Davon waren rund 27 Hektaren zur Herstellung von Torfersatz bestimmt.
Der Anbau ausserhalb des versuchsweisen Anbaus nachwachsender Rohstoffe (Herstellung von Nicht-NWR-Produkten, THC-reiche Hanfsorten) war nicht beitragsberechtigt. Eine statistische Erhebung der - je nach Kanton - nicht anmeldepflichtigen Hanfkulturen ist zurzeit nicht möglich. Für 1998 wird die Anbaufläche auf über 200 Hektaren geschätzt.
Aus agronomischer Sicht ist der Anbau von Hanf positiv zu beurteilen, weil die Pflanze für unsere klimatischen Bedingungen geeignet ist und der Anbau wenig Aufwand erfordert. Die Ernte des Hanfes erscheint derzeit als grösstes Problem, weil es noch wenig Erfahrungen und keine angepasste Technik gibt.
2.2 Hanfverarbeitung zu technischen oder energetischen Zwecken
Die Verarbeitung gilt in der Schweiz als eigentliches Nadelöhr für eine verbreitete industrielle Nutzung von Hanf. Infolge der hohen Reissfestigkeit des Hanfstrohs ist die Fasergewinnung erschwert. In verschiedenen Versuchen wurde der Einsatz der Hanffaser im technischen Bereich getestet. Zurzeit fehlen in der Schweiz jedoch geeignete Aufschlussverfahren, welche einen Einsatz von Hanf in Textilien, Papier oder Faserverbundwerkstoffen ermöglichen würde.
Der Einsatz in Kompostsubstraten als Torfersatzprodukt stellt geringere Ansprüche an das Aufschlussverfahren. Verschiedene Faser- und Kompostmischungen wurden in spezialisierten Erdlaboren und in praktischen Versuchen untersucht. Durch die Beständigkeit der Hanffasern im Kompost ist es möglich, ein strukturstabiles Substrat mit guter Bindigkeit herzustellen.
1995 wurde in der Schweiz ein erstes Haus aus Hanfmaterial gebaut. Ein Holzgerüst dient als Konstruktionsträger. Für Mauern, Böden, Decken, Verputze und Isolationen werden Hanfschäben verwendet. Das Produkt zeichnet sich laut Hersteller durch gute Wärmedämmung, hohe Wärmespeicherkapazität, Dampfdiffusionsoffenheit und geringes Gewicht aus.
Die Hanfkörner können zur Herstellung von Treibstoff verwendet werden: allerdings sind die Ernte- und die Verarbeitungstechnik noch nicht ausgereift. Die Leistungs-, Verbrauchs- und Abgasmessungen von Hanföl der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Agrarwirtschaft und Landtechnik Tänikon (FAT) weichen von denjenigen von Rapsöl nicht signifikant ab. Der Körnerertrag ist im Vergleich zu Raps tief.
3 THC-Gehalt in Hanf
Der offizielle Sortenkatalog für Hanf enthält nur THC-arme Hanfsorten mit einem THC-Gehalt unter 0,3 %. Der THC-Gehalt wird nach der in der EU geltenden Methode (Verordnungen (EG) Nr. 1420/98 und (EWG) Nr. 1164/89) analysiert. Als Probematerial dient eine repräsentative Anzahl zufällig ausgewählter Pflanzen, die jeweils am Ende der Blütezeit entnommen werden. Zur Analyse wird nur das obere Drittel der Pflanze, ohne Stengel und Samen, verwendet. Der THC-Gehalt wird mittels Gaschromatographie aus diesem Pflanzenmaterial mengenmässig bestimmt.
Nebst dem THC-Gehalt ist ein weiteres häufig verwendetes Kriterium die Berechnung des Verhältnisses THC/CBD. Wenn es kleiner als 1 ist, deutet dies auf einen Industrietyp hin.
4 Hanf in Lebensmitteln und Gebrauchsgegenständen
In der Verordnung über Fremd- und Inhaltsstoffe in Lebensmitteln (Fremd- und Inhaltsstoffverordnung) hat das BAG folgende Grenzwerte für den THC-Gehalt in Lebensmitteln festgelegt:
Hanfsamenöl: 50 mg/kg
Hanfsamen: 20 mg/kg Trockensubstanz
Backwaren, Teigwaren : 5 mg/kg Trockensubstanz
pflanzliche Lebensmittel: 2 mg/kg Trockensubstanz
Spirituosen: 5 mg/l reinen Alkohol
übrige Getränke (alkoholhaltige und andere): 0.2 mg/kg trinkfertige Zubereitung
Diese Höchstkonzentrationen dürfen nicht überschritten werden.
5 Forschungstätigkeiten
In den Forschungsanstalten Reckenholz (FAL) und Tänikon (FAT) laufen zurzeit Forschungsprojekte mit dem Ziel, die industrielle Nutzung von Faserpflanzen für technische und textile Anwendungsbereiche als Alternative zu synthetischen und petrochemischen Fasern zu entwickeln. Im Vordergrund steht ein wirtschaftliches und umweltverträgliches Verfahren zur Gewinnung von Bastfasern, welche den Qualitätsanforderungen der Industrie genügen. Die Schwerpunkte liegen dabei bei der Entwicklung eines mechanisch-biologischen Faseraufschlussverfahrens und der Bereitstellung von Methoden zur Beurteilung der Faserqualität. Zudem werden biologisch abbaubare, pflanzenverstärkte Spritzgusswerkstoffe entwickelt, in welchen entsprechend gewonnene Bastfasern sehr gut eingesetzt werden können.
Die agronomischen Fragen in Sachen Hanfanbau und Sortenversuche sowie die Erntetechnik werden weiterhin bearbeitet.
6 Markt und Absatz
Eine vom nova-Institut (Köln) durchgeführte Studie über Hanfanbau und -verarbeitung in Deutschland zeigt, welche Produktelinien unter technischen, ökonomischen und ökologischen Gesichtspunkten die besten Realisierungschancen aufweisen.
Textilbereich - Kotonisierter Hanf als Baumwollsubstitut
Eine der interessantesten Produktelinien für den deutschen Hanf liegt nach den vorliegenden Analysen im Textilbereich. Hiermit ist keinesfalls an die Wiederbelebung der traditionellen Langfasertextilie zu denken, sondern an die Herstellung sog. "kotonisierter" Hanffasern. Hierunter versteht man die mit Hilfe modernster chemisch-physikalischer Verfahren verfeinerte Hanffaser, die in ihren technischen Eigenschaften der dominierenden Baumwollfaser insoweit gleicht, dass sie ebenfalls auf den hochproduktiven Baumwollspinnmaschinen (Rotorspinnerei) verarbeitet werden kann. Die ökonomische Analyse zeigt, dass eine solche Hanffaser in Deutschland zu Preisen produziert werden kann, die den Preisen der Baumwolle entsprechen. Die Öko-Bilanz ergibt für Hanf deutliche Vorteile gegenüber der Baumwolle - sofern die textilen Verarbeitungsmaschinen soweit modifiziert werden, dass bei Hanf dieselbe Produktivität (und damit Energieeinsatz pro Kleidungsstück) wie bei Baumwolle erzielt werden kann.
Wärmedämmvliese im Baubereich
Aufgrund verschärfter Wärmeschutzverordnungen wächst der Dämmstoffmarkt in Deutschland weiter. Unter diesen Bedingungen können Hanfdämmvliese Mineralfaservliese substituieren. Wie die Ökobilanz zeigt, ist die Substitution der Mineralwolle durch Hanf mit erheblichen ökologischen Vorteilen punkto Primärenergieeinsatz und Treibhausbilanz verbunden. Dagegen werden Hanfdämmvliese etwa um den Faktor 4 teurer bleiben als Mineralfaservliese.
Spezialzellstoff für technische Anwendungen
Der Einsatz von Hanf zur Produktion von Massenzellstoffen für Druck-, Schreib- und Verpackungspapiere wird auf absehbare Zeit nur in geringem Umfang stattfinden. Das wichtigste Hindernis ist die fehlende ökonomische Konkurrenzfähigkeit zu Holzzellstoff. Bessere Einsatzmöglichkeiten bestehen kurzfristig im Bereich hochpreisiger Spezialzellstoffe und -papiere. Dort kann Hanfzellstoff aufgrund seiner hohen Reiss- und Nassfestigkeit, Porosität, Alterungsbeständigkeit und Opazität technisch und ökonomisch mit den derzeit vorwiegend eingesetzten Spezialzellstoffen aus anderen Faserpflanzen konkurrieren. Entsprechend werden derzeit über 95 % des in Westeuropa angebauten Hanfes zu Spezialzellstoffen und -papieren verarbeitet.
Formpressteile
Hanffasern, die eine mechanische Grobauflösung durchlaufen haben, eignen sich gut für die Produktelinie Formpressteile. Die Hanffaser weist eine hohe Reissfestigkeit und ein geringes Gewicht auf und kann - bedingt durch die hohen Hektarerträge - zu vergleichsweise günstigen Preisen von ca. 0,8 Fr./kg produziert werden. Zusammen mit ihren ökologischen Vorteilen sollte damit dem Hanf als Bestandteil von Autoinnenteilen wenig im Wege stehen.
7 Aussichten
Die Anwendungsmöglichkeiten der Nutzpflanze Hanf sind vielfältig. Kurzfristig realisierbare Verwertungslinien, zum Teil schon heute auf dem Markt zu finden, sind unter anderem Hanfspeiseöl, ätherische Öle sowie daraus hergestellte Produkte.
Längerfristig dürfte auch die Fasergewinnung und -aufbereitung an Bedeutung gewinnen. Es ist bereits nachgewiesen, dass die Hanffasern gute Eigenschaften mit sich bringen (geringe Dichte, hohe Zugfestigkeit und biologisch Abbaubarkeit). Eine industrielle Nutzung der Bastfasern in Faserverbundwerkstoffen und anderen Anwendungsbereichen hat aber nur dann eine Chance, wenn qualitativ hochstehende, preisgünstige Fasern angeboten werden können. Zurzeit fehlt jedoch ein wirtschaftliches und umweltschonendes Faseraufschlussverfahren.