Baumwolle


Quelle: Jörg Müssig (1998) aus: Leitfaden Nachwachsende Rohstoffe: Anbau-Verarbeitung-Produkte. KATALYSE Institut für angewandte Umweltforschung (Hrsg.)

 

Die Baumwollpflanze gehört zur Familie der Malvengewächse. Neben einer Vielzahl von Wildarten existieren kultivierte Arten, die sich wie folgt nach ihren Chromosomensätzen unterscheiden:

diploide Kulturbaumwollarten (Arten der Alten Welt)
- Gossypium herbaceum L.
- Gossypium arboreum L.

tetraploide Kulturbaumwollarten (Arten der Neuen Welt)
- Gossypium hirsutum L.
- Gossypium barbadense L. (syn. G. vitifolium LAM.)

Im weltweiten Anbau entfallen 87 Prozent der Gesamtmenge auf die Art Gossypium hirsutum, 8 Prozent auf G. barbadense und 5 Prozent auf die Arten G. herbaceum und G. arboreum. Aus den Samen der Baumwollpflanze wachsen die Samenhaare, die als verspinnbare Fasern schon früh zur Herstellung von Textilien genutzt wurden. Archäologische Funde bestätigen, daß Baumwolle schon etwa 3000 v. Chr. im Industal (Pakistan) und um 2500 v. Chr. in Peru verarbeitet wurde. In Europa wurde der Aufschwung der Baumwolle Mitte bis Ende des 17. Jahrhunderts durch die Entwicklung der Entkörnungsmaschine und der ersten Ringspinnmaschine („Spinning Jenny") eingeleitet. 1783/84 wurde in Ratingen bei Düsseldorf die erste Baumwollspinnerei auf dem europäischen Kontinent nach englischem Vorbild von Johann Gottfried Brüggelmann errichtet. Seit Herbst 1996 ist die alte Spinnerei als Museum mit einem funktionstüchtigen Nachbau der ersten „Spinning Jenny" zu besichtigen.

 

Baumwollerzeugung weltweit

Um 1900 bestanden 80 Prozent der weltweit hergestellten Textilien aus Baumwollfasern (4 Mio. Tonnen). Die Produktion von Baumwolle ist seitdem kontinuierlich gestiegen und hat 1997 eine Menge von etwa 19 Mio. Tonnen erreicht. Dies entspricht etwa 45 Prozent der weltweiten Fasererzeugung. 75 Prozent der Weltproduktion erfolgt in 6 Ländern. In über 70 Ländern wird derzeit Baumwolle angebaut. Auffällig ist die Schwankung der erzeugten Mengen infolge guter und schlechter Erntejahre, während die Mengen der verarbeiteten Baumwollfasern annähernd gleich blieb. Während die Durchschnittserträge durch intensivere Landwirtschaft stetig angestiegen sind, bewegt sich die Anbaufläche annähernd konstant auf dem Niveau von 30 Mio. ha. Bei einem geschätzten Durchschnittsertrag von 565 kg Fasern/ha und einer Anbaufläche von 33,6 Mio. ha in 1996/97 ist der Ertrag in den einzelnen Ländern stark unterschiedlich. Während Israel 1996/97 geschätzt mit 1.700 kg/ha den höchsten Ertrag erzielt, liegt Uganda mit 50 kg/ha weit unter dem Durchschnitt.

 

Baumwolle und Umwelt

Die Baumwollpflanze ist besonders in intensiv angebauten Reinkulturen anfällig gegen Unkräuter, Schädlinge und Krankheiten. Bei Verzicht auf Pflanzenschutz in Monokulturen ergibt sich ein Ertragsverlust, der zu 36 Prozent durch Unkräuter, zu 37 Prozent durch Schädlinge und zu 10 Prozent durch Krankheiten verursacht wird.

Um die in Monokulturen angebauten Baumwollpflanzen gegenüber Schädlingen besser schützen und gleichzeitig auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verzichten zu können, wurden von einem amerikanischen Chemiekonzern Versuche zur gentechnischen Manipulation von Baumwollpflanzen durchgeführt. Hierbei wurden in das Erbgut der Pflanze die Gene des Bakteriums „Bacillus thuringiensis" (Bt) eingepflanzt.

Das Gift dieses Bakteriums wirkt auf Raupen in der Regel tödlich. Durch die gentechnische Veränderung der Pflanze sollte diese in der Lage sein, das Gift selbst zu produzieren, um die Raupen ohne zusätzlichen Einsatz von Pestiziden zu vernichten. Das als „BT Cotton" bezeichnete Saatgut wurde in den USA auf mehreren 100.000 Hektar angepflanzt. Trotz der Manipulation wurden große Flächen dieser „Freilandversuche" von den Raupen des Eulenfalters vernichtet. Eine Begründung für diesen Mißerfolg konnte noch nicht gefunden werden.

1994 entfielen ca. 10 Prozent der weltweit eingesetzten Menge der Pflanzenschutzmittel auf den Baumwollanbau (2,8 Mrd. US$). Im Vergleich hierzu wurden 25,2 Prozent für den Obst- und Gemüseanbau eingesetzt. Im Baumwollbereich entfielen 66 Prozent auf Insektizide, 19 Prozent auf Herbizide, 3 Prozent auf Fungizide und 12 Prozent auf Mittel, die eine Maschinenernte erleichtern sollen. Hierzu zählen Produkte, die eine gleichmäßige Abreife der Kapseln bewirken sollen und den vorzeitigen Laubabfall herbeiführen. Da in den meisten Ländern noch von Hand geerntet wird, konzentriert sich der Einsatz der letztgenannten Mittel insbesondere auf: Argentinien (80 Prozent Maschinenernte), Australien (100 Prozent M), China (5 Prozent M), Griechenland (90 Prozent M), Israel (100 Prozent M), Kolumbien (10 - 20 Prozent M), Spanien (98 Prozent M), Südafrika (je Sorte 0 - 50 Prozent M), Uruguay (70 Prozent M) und die USA (100 Prozent M).

Vor dem Hintergrund, daß der Großteil der Baumwolle handgepflückt wird, muß die häufig getroffene Gleichsetzung handgepflückte Baumwolle = ökologische Baumwolle überdacht werden, v. a. da ein Produkt aus kontrolliert ökologischem Anbau (köA) anderen Anforderungen genügen muß.

Durch die EU-Regulation 2092/91 ist der Begriff „köA-Baumwolle" geschützt und gilt nur für den Baumwollanbau, der schon länger als drei Jahre nach den Bedingungen des ökologischen Landbaus durchgeführt wird. Nach den Standards der IFOAM kann Baumwolle nach einem Jahr ökologischen Anbaus als „organic cotton" bezeichnet werden, wenn der vorherige Einsatz von Chemikalien genügend gering war.

Erst Ende der 80er Jahre wurden die ersten Baumwollpflanzen nach Kriterien des ökologischen Landbaus angebaut. Seitdem ist die Zahl der produzierten Menge stark angestiegen, im Vergleich zum konventionellen Anbau immer noch verschwindend gering (1995/96 etwa 0,07 Prozent).

In den USA, insbesondere in den Staaten Texas und Kalifornien, werden die größten Mengen an köA Baumwolle erzeugt. 1990/91 wurden fast 100 Prozent der Weltproduktion durch den nordamerikanischen Anbau erbracht. Mittlerweile haben sich die Verhältnisse etwas verändert, da mehr als 18 Länder köA Baumwolle anbauen.

Baumwollfasern aus kontrolliert ökologischem Anbau werden genauso auf ihre Eigenschaften hin untersucht wie Fasern aus konventionellem Anbau. Im einzelnen handelt es sich um die Bestimmung von Länge, Festigkeit, Dehnung, Feinheit, Reifegrad, Farbe und Schmutz. Es ist möglich, im kontrolliert ökologischen Anbau Baumwollfasern mit so guten Qualitäten zu produzieren, daß sie den üblichen Anforderungen gerecht werden. Dies wurde auch im weltweiten Bremer Baumwoll-Rundtest 1997/1 für die Sorte Natural White Tanguis (ökologische Baumwolle aus Peru) bestätigt.

 

 
Anbauen
   
 

Enten
   
 
manuell
maschinell  
 
 
entkörnen
(egrenieren)
   

Rohbaumwolle
(verspinnbar)
33 %
 
Baumwollsamen (mit anhaltenden Faserresten)
67 %
Abfälle
 

    • Game
    • Gewebe für Bekleidungs-, Heim-, Freizeittextilien
    • Geflechte
    • Gewirke, z.B. Unterwäsche
    • Gestricke, Z.B. T-Shirts
    • Vliese, z.B. Dämmprodukte. Türinnenverkleidung im Auto
 
Linters (nicht
verspinnbare Faserreste)
Baumwollsamen
 
    • hochwertige Papiere
    • Substanz für industriell geschaffene Fasern (Viscose, Acetat, Nitratcellulose)
    • Füller für Polymere
    • Beflockungsfaser, z.B. für Gummihandschuhe
    • Polymere aus systhetischer Cellulose

1994 bestanden ca. 13% der weltweiten Ölsaatenproduktion aus Baumwollsamen. Die Samenkörner enthalten Gossypol, ein Polyphenol, ,das auf Mensvchemn und Nichtwiederkäuer toxisch wirkt. Kaltgepresste Öle aus Baumwollsamen sind somit nicht als Lebensmittel geeignet. Durch Raffination wird das Gossypol ausgefällt. In den USA wird so ein Grossteil der Speiseöle und -fette aus Baumwollsamen gewonnen.

    • Öl - Stearine und Fette für Seifen und Kerzen
    • Glycerine und Fettsäuren für die chemische Industrie
    • Speisefette und Öle
    • Presskuchen
    • Schalen, Dünger
       

 

Literatur 

Bosca/Karus (1997): Der Hanfanbau - Botanik, Sorten, Anbau und Ernte; C. F. Müller Verlag, Heidelberg

Bremer Baumwollbörse (BBA) (1996/1997): - Baumwoll-Varietäten nach Herkunftsländern und Jahresbericht der Bremer Baumwollbörse 1996, Bremen

Bündnis 90/Die Grünen (Kleine Anfrage 1996): Anbau von Nutzhanf zur Ernte 1996; Drucksache 13/5278, Bonn

Dollacker, A. (1996): Rolle des Pflanzenschutzes im Baumwollanbau. Melliand Textilberichte (12/1996), S. 829-834

Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (Hrsg. 1997): Hanf - Wissenschaftliche Untersuchung zum Thema „Anbau, Ernte und Aufbereitung sowie Verwendung von Hanf" Teil 1 und 2; Landwirtschaftsverlag, Münster

Faserinstitut Bremen, Bremer Baumwollbörse (1996): Tagungsband 23. Internationale Baumwoll-Tagung, Bremen S. 129-140

Gutknecht, J. (1986): Zusammenhänge zwischen Baumwollzüchtung und Fasereigenschaften in der Praxis. Faserinstitut Bremen, Bremer Baumwollbörse: Tagungsband 18. Internationale Baumwolltest-Tagung, Bremen

KATALYSE Institut für angewandte Umweltforschung (Hrsg. 1996): Hanf & Co. - Die Renaissance der heimischen Faserpflanzen; Verlag Die Werkstatt, Göttingen

KATALYSE Institut für angewandte Umweltforschung (Hrsg. 1996): Nutzhanf - vom konventionellen zum ökologischen Anbau; Deukalion-Verlag, Holm

Koch, P.-A. (1989): Baumwolle - Faserstoff-Tabellen. Chemiefasern/Textilindustrie (7,8/1989)

Landschaftsverband Rheinland (1996): Die erste Fabrik, Ratingen Cromford. Köln: Rheinland-Verlag, 1996 Katalog/Rheinisches Industriemuseum Außenstelle Ratingen

Nova-Institut (1996/97): Symposium-Magazin zur Tagung Biorohstoff Hanf und Das Hanfproduktlinienprojekt, Hürth

Rottmann-Meyer, M.-L. (1997): Hanf - eine fast vergessene Nutzpflanze ist wieder aktuell; in: Energiepflanzen 1/97, S. 20 ff.

Ton, P. (1996): The European market for organic cotton and eco-textiles. A market survey. Amsterdam, Niederlande: Foundation Ecooperation

VDI (1996): Raupen fressen Gen-Baumwolle/USA: Baumwollsorten mit „eingebauter" Insektenresistenz schmeckt Schädlingen besonders gut. VDI nachrichten, 20.9.1996. S. 20

Vogl/Heß (1996): Die praktische Hanffibel; Institut für ökologischen Landbau Wien/Rohemp Fürstenfeld und Praktische Anbauerfahrungen mit Hanf im Ökologischen Landbau in Österreich; Universität Wien (1997)

Vorschlag für eine Verordnung des Rates zur Änderung der Verordnung Nr. 619/71 EWG zur Festlegung der Grundregeln für die Gewährung einer Beihilfe für Flachs und Hanf

Vreeland, J. (1996): Organic and Naturally Coloured Native Cotton from Peru, South America.